„Das deutsch-jüdische Theater ist eine Begegnungsstätte mit der reichhaltigen jüdischen Kultur. Es ist ein Ort der Toleranz und Freundschaft und ich wünsche mir, dass wir noch lange in dieser schönen und spannenden Stadt spielen können. Ich danke unserem Publikum, allen Freunden und Förderern, die uns all die Jahre begleitet haben und unser Theater zu einem Erfolg gemacht haben“ (Dan Lahav, Intendant)

Die Familie

Als Dan Lahavs Großvater Chaim um die damalige Jahrhundertwende mit seinem Vater aus Ostgalicien nach Deutschland kam, waren sie zunächst einfache, reisende Kaufleute. Ohne dass wir heute wissen, was sie zu diesem Umzug verleitet hat, ob sie es wollten oder mussten, ist offensichtlich wie schwer so etwas zu dieser Zeit wohl gewesen war. Anderes Land, andere Sitten, eine andere Kultur. Nachdem Chaim seine Ausbildung zum Kaufmann beendet hatte, wanderte er von Stadt zu Stadt um verschiedene Waren anzubieten und zu verkaufen. Damals war er erst ein Jugendlicher und doch war es in der Zeit üblich in diesen jungen Jahren solch Aufgaben auf sich zu nehmen. Und wie es scheint, war Chaim gewillt erfolgreich dabei zu sein. Nach ein paar Jahren des Umherziehens, hatte er Dans Großmutter Peska kennen gelernt und wurde in Hamburg sesshaft. Dort eröffnete er sein eigenes Geschäft, welches sehr erfolgreich lief und im Laufe der späteren Jahre größer wurde und der Familie einen gewissen Wohlstand eingebracht hatte. Peska selbst kam aus einer wohlhabenden Familie aus Lübeck. Als sie später in Israel Dan mit aufzog, hatten sie eine sehr enge Beziehung und er wurde durch sie maßgeblich geprägt: Die groß gewachsene, imposante Frau muss eine sehr gute Sängerin gewesen sein und hat ihm jeden Abend Arien aus verschiedenen Opern vorgesungen, was ihn sehr beeindruckte und ihn schon in jungen Jahren zur Musik und Aufführung zog.

In Hamburg hatten Chaim und Peska vier Kinder, die zwischen 1908 und 1919 geboren wurden: Hanna, Lea, Jeanette, die Mutter von Dan, später nur noch Jona genannt, und Siegfried. Den Geschichten nach mussten sie ein sehr schönes Leben gehabt haben: Sie hatten eine sehr große Wohnung (heute sind es drei Wohnungen) im Stadtzentrum, der Laden lief gut, die Kinder waren alle gut in der Schule oder in der Ausbildung. Ein schönes Leben, in dem sich die Familie scheinbar verwirklicht hatte.

Mit dem Eintreten des Nationalsozialismus 1933 hatte das jedoch ein Ende. Schnell wurde der Familie klar, dass sie solch ein Leben nicht würden weiterführen konnten. Bereits zwischen 1933 und 1935 zogen die einzelnen Familienmitglieder nacheinander nach Antwerpen in Belgien. Hanna und Lea waren damals schon verheiratet und kamen als letzte nach. Ihre Geschäfte in Hamburg wurden geschlossen, ihre Wohnungen über Nacht stehen gelassen. Kaum Hab und Gut konnten sie mitnehmen. Ein Neuanfang war unumgänglich. Intoleranz, Rassismus und Brutalität hatten wie so oft zuvor und danach gewonnen. Dans Mutter Jona, 1915 geboren, hat immer erzählt wie sie aus Antwerpen noch mal nach Hamburg gefahren ist, um ihre Ausbildung zu beenden. Als sie vor ihrem Ausbilder stand und unter Tränen flehte, sie wolle ihre Ausbildung als Schneiderin beenden, sie sei doch schon fertig mit den Prüfungen, meinte er nur zu ihr:“ Ihre Ausbildungspapiere kann ich ihnen nicht geben, aber einen guten Rat: Verschwinden sie so schnell es geht aus Deutschland. Am besten noch heute Nacht, warten sie nicht bis morgen.“ Und so kam es dann auch, was hatte sie für eine Wahl.

In Belgien kam die Familie mehr schlecht als recht durch. Während die Ehemänner von Lea und Hannah noch einen Beruf fanden, muss bei den Eltern zunehmend der Gedanke gekommen sein, dem Ruf des Zionismus zu folgen und nach Israel auszuwandern. Nur war es schon damals, Mitte der 30er Jahre schwierig ein Ausreisevisum zu bekommen. Einerseits wollten viele Menschen einen begehrten Platz auf einem der Schiffe ergattern, anderseits griff der harte Arm des Nationalsozialismus schon damals weit aus Deutschland in die umliegenden Länder hinein.

Doch manchmal glimmt auch in dunkelster Finsternis ein kleines Licht. Jona war eine begeisterte Sportlerin. Neben Hockey war die Leichtathletik ihre große Leidenschaft gewesen und wie es scheint, war ihr Talent groß: 1930 gewann sie über die Kurzstrecke die Gaumeisterschaft in Hamburg, ein wichtiges Ereignis zur damaligen Zeit. Und genau dieses scheinbar nebensächliche Hobby rettete ihr und ihren Eltern das Leben. Als sie ein Ausreisevisum beantragte, bekamen sie und ihre Eltern für den Verdienst des Sieges bei der Meisterschaft die Zusage. Der Sport als Lebensretter. Und so reiste sie 1936 mit ihren Eltern nach Israel aus.

Doch wie soll ein kleines Licht die umschlingende Dunkelheit bezwingen können. Jonas Geschwister und ihre Familien hatten kein Glück. Unter schwierigsten Bedingungen versuchten sie ihre Familien durchzubringen. Lea und Hannah bekamen 1939 bzw. 1941 in Antwerpen jeweils eine Tochter, Judith und Betty. Doch ihre Mühe war vergebens. 1942 wurden sie nach Ausschwitz deportiert und ermordet. Über Siegfried weis man am wenigsten. Er schloss sich dem Untergrundkampf an. Den Geschichten nach schmuggelte er Menschen über die Pyrenäen und wurde 1942 gefangen genommen und ebenfalls deportiert und ermordet. Über seine Ermordung wird erzählt, er kam vor Gericht wegen Aufstand gegen die Nationalsozialisten. Da er aber genau so aussah, wie der Führer sich die Aren vorstellte – blond mit blauen Augen - wurde er nicht wie seine Freunde aufgehängt, sondern aus Gnade erschossen.

In Israel angekommen, hatten Chaim, Peska und Jona nur sich selbst, zwei Koffer und einige Operarien im Kopf. Mehr war der einst wohlhabenden Familie nicht geblieben. Ein Neuanfang musste gemacht werden.

Sie zogen nach Haifa und eröffneten dort ein kleines Cafe. 1937 wurde Dans Schwester Alona geboren und 1946 er selbst. Die Lebensumstände unter denen er ohne Vater aufwuchs waren schlecht. Die Familie hatte wenig Geld und nur eine kleine Wohnung. In seinen ersten Lebensjahren zog ihn seine Großmutter auf, da die Mutter sehr viel arbeiten musste. Der Einfluss der Großmutter auf den kleinen Jungen war sehr groß. Er erbte von ihr die Liebe zur Musik und zum Theater und wurde schon in ganz jungen Jahren an die deutsche Kultur herangeführt. Schon früh fing Dan an sich der Kunst zu widmen. Dabei lagen ihm alle Kunstformen gleich am Herzen. Ob Musik und Theater über seine Großmutter oder die Malerei, die er ebenso früh für sich entdeckte.